Bericht 02.12.2009
Hallo.
Nachdem es unsere Velos schlussendlich doch noch knapp ins Flugzeug nach Kuba geschafft hatten, waren wir natuerlich sehr erleichtert. Doch zum Feiern blieb keine Zeit. Im Laufschritt, beladen mit unseren vollgepackten Rucksaecken, ging es quer durch den riesigen Flughafen von Madrid zu unserm Abflugsgate. Voellig ausser Atem und nassgeschwitzt, liessen wir uns erschoepft in unsere Flugzeugsitze plumpsen.
Kaum in der Luft, realisierten wir sofort, dass die Kubaner ein spezielles Volk sind. Im Flugzeug schienen sich alle zu kennen. Die Passagiere waren staendig in Bewegung, setzten sich mal da mal dort hin, und der Geraeuschpegel war enorm hoch. Als dann die Flugbegleiter noch anfingen Rum und Zigarren zu verhoekern wie der billige Jakob Ruebliraffeln an der Zuespa, war die Party vollends lanciert.
Gruppenweise standen die Leute in den Gaengen und die soeben erstanden Flaschen Rum leerten sich bedrohlich schnell. Immer wieder musste die Besatzung ausruecken, um Passagiere masszuregeln, weil sie rauchend auf den Flugzeugtoiletten den Alarm ausloesten. Wir hatten unsern Spass und kamen sofort mit verschiedenen Leuten ins Gespraech. Kubaner sind sehr kommunikative Menschen und ueberhaupt nicht verschlossen.
Havanna begruesste uns mit 30 Grad um 21:00 Uhr und mit unertraeglicher Luftfeuchtigkeit. Ein Taxi ueberfuehrte uns mitsamt den Velos in ein casa particular (privates Haus) in Vedado.
Die Eigentuemer dieser casas muessen vom Staat eine Lizenz erwerben um bis zu 2 Zimmer ihres Hauses an Turisten vermieten zu duerfen. Die Lizengebuehren sind recht hoch, werden monatlich geschuldet, und dies unabhaengig davon ob der Besitzer Gaeste beherbergen konnte und somit Einnahmen generiert hat oder nicht. Gegen eine zusaetzliche Gebuehr wird ihnen zudem gestattet Essen und Getraenke anzubieten.
Die Qualitaet dieser Unterkuenfte ist sehr gut, die Preise moderat, das Essen hervorragend. Ganz im Gegensatz zu den staatlichen Restaurants, wo das Personal oftmals merklich demotiviert agiert, und das Essen sowie das Ambiente doch sehr zu wuenschen lassen.
In zahlreichen Gespraechen mit unseren Gastgebern feilten wir an unserem Spanisch und erfuhren zudem viel ueber Land und Leute.
Die Akklimatisation in Havanna war fuer uns nicht ganz einfach. Hitze und Luftfeuchtigkeit machten uns mehr Muehe als erwartet. Dazu kam der Jetlag, Moskitos, zwei Waehrungen die am Anfang doch etwas verwirren und halbleere Regale in den staatlichen "Dollar"-Laeden, sowie der hohe Laermpegel und die krasse Luftverschmutzung auf den Strassen.
Silvia verfiel in eine mittlere Depression, war lust- und antriebslos und brauchte sehr viel Schlaf in den ersten Tagen.
Gluecklicherweise ging es dann aber bald wieder aufwaerts mit Silvias Gemuetsverfassung und wir entschieden uns wegen den relativ starken Nordostwinden zuerst mit dem Bus ostwaerts nach Bayamo zu reisen.
Von Bayamo fuhren wir nach Bartolome Maso, schoben! unsere Velos ueber die Berge nach Marea de Portillio auf einer fuercherlichen Strasse, radelten der Suedkueste entlang bis Santiago de Cuba, weiter nach Guantanamo und ueber Imias nach Baracoa im aeussersten Osten der Insel. Der Rueckweg nach Havanna fuehrte uns ueber Moa, Mayari, Holguin, Las Tunas, Camaguey, Ciego de Avila, Sancti Spiritus, Trinidad, Santa Clara, Cienfuegos, Playa Giron und Los Palos und wir legten dabei fast 1800km zurueck.
In Los Palos naechtigten wir illegal im Haus von Carlitos und Evelyn und unternahmen zusammen noch einen illegalen Ausflug im 1959er Mercedes-Benz 180D der beiden nach Matanzas. Danach ueberliess uns Evelyn sogar noch das unbewohnte Apartamento ihrer nach Spanien ausgewanderten Schwester in Havanna. - Auch illegal, klar!
Kuba eignet sich gut fuer Radreisen. Das Land ist relativ flach, aber auch Bergfahrer finden da und dort einen "Stutz" zum angreifen. Die Strassen sind mehr oder weniger schlecht, und vor allem die Kuestenstrassen wurden von den zahlreichen Zyklonen der letzten Jahre arg in Mitleidenschaft gezogen.
Empfehlen koennen wir die ganze Suedkueste von Marea del Portillo nach Santiago, mit sehr wenig Verkehr aber miserablen Strassen, dann die Fahrt ueber die Farola von Imias nach Baracoa und die Strecke von Trinidad durch die Sierra del Escambray (Bergpreis..)nach Santa Clara.
Unsere Lieblingsorte sind Baracoa, umgeben von traumhafter Landschaft, Las Tunas als exzellenten Ort um mal easy auszuspannen, Guantanamo (nicht zu verwechseln mit Guantanamo Bay wo die Amis die "vermeintlichen" Terroristen beherbergen), dann Cienfuegos, sowie die Straende bei Playa Giron zum schnorcheln und tauchen.
Leider ist in Kuba die Abgasbelastung der uralten Autos und vor allem der doch zahlreichen Lastwagen ein ernsthafter Spasskiller....
Einige der Lastwagen sind elende Dreckschleudern und koennen einem die Freude am Velofahren mit ihren schwarzen Abgaswolken ganz schoen vermiesen.Feinstaub- oder Russallergiker sollten ein anderes Land fuer eine Veloreise waehlen.
Wegen der latenten Hitze starteten wir jeweils mit dem ersten Tageslicht - die ersten Stunden am fruehen Morgen waren stets die schoensten.
Die Kubaner haben es nicht einfach. Ausser in der Landwirtschaft wird praktisch nichts produziert auf der Insel. Der einzige Devisenbringer ist der Turismussektor. Wenn die Turisten eines Tages ausbleiben sollten, koennen sie den Laden dichtmachen.
In den 80er Jahren ging es dem Land besser, da die ehemalige Sowjetunion viel Geld nach Kuba schickte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam dann auch noch die totale Blockade Kubas durch Nordamerika dazu und loeste die "tiempo especial" aus in den 90er Jahren. Waehrend dieser Zeit gab es kaum genuegend zu essen fuer alle.
Heute wird Kuba vor allem durch Venezuela unterstuetzt. Hugo Chavez liefert billiges Oel und dafuer helfen die gut ausgebildeten kubanischen Aerzte in Venezuela ein flaechendeckendes Gesundheitssystem a la Kuba aufzubauen.
Viele Kubaner muessen heute mit Sfr. 15! im Monat auskommen. Mit der sogenannten "Libretta" koennen sie zudem einige wenige Grundnahrungsmittel wie Reis, Bohnen, Zucker, Oel..... sowie ein kleines Broetchen pro Tag und Person zu stark subventionierten Preisen erwerben. Kleinkinder erhalten zusaetzlich Milch vom Staat.
Da die Gehaelter nicht ausreichen um den Lebensunterhalt zu bestreiten, mischelt praktisch jeder noch "por la izquierda." Die Angestellten in den Turistenresorts klauen Kaese, Konserven, Besteck, Geschirr etc. Die Angestellten im Schlachthof klauen Fleisch, die Arbeiter auf der Gefluegelfarm klauen Eier.....
Das Diebesgut wird an Hehler weiterverkauft die dann den Transport in die Staedte organisieren.
Andere verkaufen unter der Hand Kleider, die von professionellen Haendlern nach Kuba gebracht werden.
Viele Frauen (und auch Maenner) prostituieren sich um ueber die Runden zu kommen und die Bediensteten der staatlichen Geschaefte und Restaurants geben falsch heraus oder verrechnen den Turisten Pesos Convertibles anstatt der moneda nacional. (1 convertible = 24 Pesos!!!)
Der Staat und die Polizei wissen natuerlich dass geklaut wird und greifen hart durch. Wir haben einige Kubaner getroffen, die wegen Hehlerei mit Schinken oder aehnlicher Bagatelldelikte fuer Monate in den Knast mussten.Dort werden sie wie Tiere gehalten, erhalten kaum zu essen oder werden gar misshandelt.
Die medizinische Versorgung wird vom Staat garantiert und selbst in den abgelegensten Siedlungen in den Bergen gibt es einen Arzt und eine medizinische Grundversorgung. Die Behandlung ist fuer alle Kubaner voellig kostenlos und die Ausbildung der Aerzte ist hervorragend. Leider kann der Staat wegen der Blockade (oder Geldmangels) nicht alle bei uns erhaeltlichen Medikamente importieren und wir haben einige Kubaner getroffen, die auf Medikamentenhilfe von Angehoerigen im Ausland angewiesen sind. Zudem haben wir immer wieder gehoert, dass die Aerzte mit (Geld-) Geschenken geschmiert werden wollen, damit eine rasche und angemessene Behandlung erfolgt.
Die Schule ist fuer alle Kinder obligatorisch und deshalb gibt es praktisch keine Analphabeten. Leider sind viele gut ausgebildete Lehrer abgehauen oder haben wegen der miserablen Bezahlung den Job quittiert.
Die freie Meinungsbildung und der Informationsfluss wir vom Staat massiv eingeschraenkt. Die drei staatlichen Fernsehsender sind gelinde gesagt eine Enttaeuschung, Satelittenfernsehen ist verboten, internationale Presse und Literatur praktisch nicht aufzutreiben und der Internetzugriff wird den Menschen auch verwehrt.
Uns hat es sehr gut gefallen in Kuba. Die Menschen sind freundlich, kommunikativ und sehr angenehm im Umgang. Die Insel ist landschaftlich wunderschoen und wir fuehlten uns jederzeit sehr sicher.
Trotzdem haben wir uns entschieden, die Revolution nicht in die Schweiz zu tragen.Das Bild wurde vom Absender entfernt.
Viele liebe Gruesse aus Buenos Aires von Michi und Silvia